Freitag, 7.3.2003

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Das schnellste Buch der Welt 

Autor und Filmemacher Werner Enke über sein neues Werk „Es wird böse enden“ 


Mit dem Film „Zur Sache, Schätzchen“ feierte der Drehbuchautor und Hauptdarsteller Werner Enke 1968 einen Sensationserfolg. Danach drehte er mit seiner Partnerin, der Regisseurin May Spils, noch vier weitere Filme, ehe er sich in sein Reihenhäuschen in Schwabing zurückzog. Alle anderen Rollenangebote lehnte er ab. Jetzt gibt es Neues von Enke, inzwischen 61 Jahre alt. In seinem Buch „Es wird böse enden“, das heute im Verlag Antje Kunstmann erscheint, erweckt er die Daumenkino-Figur des Schlaffen Haro aus dem „Schätzchen“ zu neuem Leben und umgibt sie mit einer Reihe eigenartiger Figuren ­ mit denen sich Haro verblüffend treffende Dialoge liefert, die an die streckenweise genialen Texte in Enkes Filmen erinnern. 

SZ: Sie haben sich nach Ihren letzten Filmen mehr als 15 Jahre Zeit gelassen, bis Sie etwas Neues gemacht haben. Warum jetzt ein Buch, warum kein Film? 

Enke: Filme könnte ich schon noch machen, aber einen wirklich guten traue ich mir nicht mehr zu. Das hat etwas mit Älterwerden und der nachlassenden Besessenheit zu tun, Fehler unerbittlich bis zum letzten Feinschnitt in die Enge zu treiben. Mir würde heute die pausenlose Fitness fehlen, die Mitarbeiter beim Film, die es bei dem, was sie gerade tun, so gut meinen, konsequent davon abzuhalten, das zu tun, was sie gerade tun wollten. Mir fehlt heute die psychische Kondition, drei Jahre am Stück Krieg zu führen gegen alles und jeden, um einigermaßen hinzukriegen, was man eigentlich wollte, das ist zu viel. Ich will nicht mehr an vorderster Front lodern. 

SZ: Ein Buch schafft man immer noch. 

Enke: Es werden viel zu viele Bücher geschrieben. Eigentlich wollte ich der erste sein, der endlich mal kein Buch geschrieben hat. Es ist dann ja irgendwie auch kein richtiges Buch geworden. 

SZ: Es sind Sprechmännchen. Die sich sprachlich noch mal voll reinwuchten in alles. 

Enke: Die Idee geht auf das berühmte Daumenkino in „Zur Sache, Schätzchen“ zurück. Das Daumenkino habe ich als Neunjähriger in meiner Schulzeit in Göttingen gezeichnet, mehrere Zigarrenkisten voll. Es hat damals die Liebesszene mit Uschi Glas in „Zur Sache, Schätzchen“ gerettet. Jetzt habe ich wieder auf meine Kindheit zurückgegriffen und habe aus den Strichmännchen Sprechmännchen gemacht, die reden können. 

SZ: Die Besetzung des Buches liest sich wie die eines Theaterstücks oder eines Drehbuchs. Da gibt es neben dem schlaffen Haro den kneipengegerbten Gelegenheitsjournalisten Frank, Susi, die ständig Probleme mit Haro hat, Mienchen Kohlmeier, laut Beschreibung eine wüste Raucherin. .. 

Enke: Das sind nur die Guten. Die Bösen in ihrer täglichen Verschlagenheit sind fast noch wichtiger. Der schwere Bunke Bauschulte, der Rundum-Geschäftsmann Dr h.c. Willi Permaneder oder der kankelbastige Literat Marcus Meier. 

SZ: Kankelbastig? 

Enke: Erkläre ich im Buch. Man muss ihn sehen, diesen Meier. 

SZ: Dann gibt es noch „Heiduk, Aussehen unbekannt“. Ein merkwürdiger Geschäftsmann offenbar. Was hat es denn mit dem auf sich? 

Enke: Das ist eine geheimnisvolle Geschichte. Vor 20 Jahren stand plötzlich über Nacht an jeder Schwabinger Hausecke das Wort „Heiduk“ hingeschmiert. Ein Rätsel. Eine Art Vor-Graffiti. Ein bisschen unheimlich. Ich habe versucht, mir vorzustellen, was es mit „Heiduk“ damals auf sich gehabt haben könnte. 

SZ: Ihr Buch ist schwer einzuordnen. Kein Roman, kein Theaterstück, aber Prosa mit knappen Dialogfetzen ­ dann gibt es lauter minimalistische Zeichnungen, trotzdem kein Comic ­ was ist es denn überhaupt? 

Enke: Es ist ein Tagebuch mit kleinen Sprechmännchen- Geschichten. 

SZ: Für das Buch haben Sie fünf Jahre gebraucht. Warum so lange? 

Enke: Ich wurde von ständigen Selbstzweifeln voran- und dann wieder zurückgetrieben. Ich habe ständig zwischen den Ritzen der Sprache gesucht, wo eigentlich nichts mehr ist. 

SZ: Klingt kompliziert. 

Enke: Ist es aber nicht. Alles ganz einfach. Man braucht nur ein, zwei Minuten in das Buch zu schauen, dann kann man sofort sehen, ob einem dieses Zeugs gefällt oder nicht. Das ist ein ganz schnelles Buch. Ich glaube, das schnellste, was es im Moment gibt. 

SZ: Also schnelles Buch, langsamer Schreiber? 

Enke: Ich habe so lange rumgefummelt, damit es nach langer Zeit mal wieder was Neues von mir zum Wiederentdecken gibt. 

SZ: Löblich. Warum treiben sich ihre Figuren eigentlich verdächtig oft in der Nähe von Friedhöfen rum und grübeln über die Vergänglichkeit? 

Enke: Das ist ihr konstruktiver Pessimismus. 

Interview: Jörg Schallenberg


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