Das schnellste Buch der
Welt
Autor
und Filmemacher Werner Enke über sein neues Werk „Es wird böse
enden“
Mit dem Film „Zur Sache, Schätzchen“ feierte der Drehbuchautor
und Hauptdarsteller Werner Enke 1968 einen Sensationserfolg. Danach drehte
er mit seiner Partnerin, der Regisseurin May Spils, noch vier weitere Filme,
ehe er sich in sein Reihenhäuschen in Schwabing zurückzog. Alle
anderen Rollenangebote lehnte er ab. Jetzt gibt es Neues von Enke, inzwischen
61 Jahre alt. In seinem Buch „Es wird böse enden“, das heute im Verlag
Antje Kunstmann erscheint, erweckt er die Daumenkino-Figur des Schlaffen
Haro aus dem „Schätzchen“ zu neuem Leben und umgibt sie mit einer
Reihe eigenartiger Figuren mit denen sich Haro verblüffend treffende
Dialoge liefert, die an die streckenweise genialen Texte in Enkes Filmen
erinnern.
SZ: Sie haben sich nach Ihren letzten Filmen mehr als 15 Jahre
Zeit gelassen, bis Sie etwas Neues gemacht haben. Warum jetzt ein Buch,
warum kein Film?
Enke: Filme könnte ich schon noch machen, aber einen wirklich
guten traue ich mir nicht mehr zu. Das hat etwas mit Älterwerden und
der nachlassenden Besessenheit zu tun, Fehler unerbittlich bis zum letzten
Feinschnitt in die Enge zu treiben. Mir würde heute die pausenlose
Fitness fehlen, die Mitarbeiter beim Film, die es bei dem, was sie gerade
tun, so gut meinen, konsequent davon abzuhalten, das zu tun, was sie gerade
tun wollten. Mir fehlt heute die psychische Kondition, drei Jahre am Stück
Krieg zu führen gegen alles und jeden, um einigermaßen hinzukriegen,
was man eigentlich wollte, das ist zu viel. Ich will nicht mehr an vorderster
Front lodern.
SZ: Ein Buch schafft man immer noch.
Enke: Es werden viel zu viele Bücher geschrieben. Eigentlich
wollte ich der erste sein, der endlich mal kein Buch geschrieben hat. Es
ist dann ja irgendwie auch kein richtiges Buch geworden.
SZ: Es sind Sprechmännchen. Die sich sprachlich noch mal
voll reinwuchten in alles.
Enke: Die Idee geht auf das berühmte Daumenkino in „Zur
Sache, Schätzchen“ zurück. Das Daumenkino habe ich als Neunjähriger
in meiner Schulzeit in Göttingen gezeichnet, mehrere Zigarrenkisten
voll. Es hat damals die Liebesszene mit Uschi Glas in „Zur Sache, Schätzchen“
gerettet. Jetzt habe ich wieder auf meine Kindheit zurückgegriffen
und habe aus den Strichmännchen Sprechmännchen gemacht, die reden
können.
SZ: Die Besetzung des Buches liest sich wie die eines Theaterstücks
oder eines Drehbuchs. Da gibt es neben dem schlaffen Haro den kneipengegerbten
Gelegenheitsjournalisten Frank, Susi, die ständig Probleme mit Haro
hat, Mienchen Kohlmeier, laut Beschreibung eine wüste Raucherin. ..
Enke: Das sind nur die Guten. Die Bösen in ihrer täglichen
Verschlagenheit sind fast noch wichtiger. Der schwere Bunke Bauschulte,
der Rundum-Geschäftsmann Dr h.c. Willi Permaneder oder der kankelbastige
Literat Marcus Meier.
SZ: Kankelbastig?
Enke: Erkläre ich im Buch. Man muss ihn sehen, diesen Meier.
SZ: Dann gibt es noch „Heiduk, Aussehen unbekannt“. Ein merkwürdiger
Geschäftsmann offenbar. Was hat es denn mit dem auf sich?
Enke: Das ist eine geheimnisvolle Geschichte. Vor 20 Jahren stand
plötzlich über Nacht an jeder Schwabinger Hausecke das Wort „Heiduk“
hingeschmiert. Ein Rätsel. Eine Art Vor-Graffiti. Ein bisschen unheimlich.
Ich habe versucht, mir vorzustellen, was es mit „Heiduk“ damals auf sich
gehabt haben könnte.
SZ: Ihr Buch ist schwer einzuordnen. Kein Roman, kein Theaterstück,
aber Prosa mit knappen Dialogfetzen dann gibt es lauter minimalistische
Zeichnungen, trotzdem kein Comic was ist es denn überhaupt?
Enke: Es ist ein Tagebuch mit kleinen Sprechmännchen- Geschichten.
SZ: Für das Buch haben Sie fünf Jahre gebraucht. Warum
so lange?
Enke: Ich wurde von ständigen Selbstzweifeln voran- und
dann wieder zurückgetrieben. Ich habe ständig zwischen den Ritzen
der Sprache gesucht, wo eigentlich nichts mehr ist.
SZ: Klingt kompliziert.
Enke: Ist es aber nicht. Alles ganz einfach. Man braucht nur
ein, zwei Minuten in das Buch zu schauen, dann kann man sofort sehen, ob
einem dieses Zeugs gefällt oder nicht. Das ist ein ganz schnelles
Buch. Ich glaube, das schnellste, was es im Moment gibt.
SZ: Also schnelles Buch, langsamer Schreiber?
Enke: Ich habe so lange rumgefummelt, damit es nach langer Zeit
mal wieder was Neues von mir zum Wiederentdecken gibt.
SZ: Löblich. Warum treiben sich ihre Figuren eigentlich
verdächtig oft in der Nähe von Friedhöfen rum und grübeln
über die Vergänglichkeit?
Enke: Das ist ihr konstruktiver Pessimismus.
Interview: Jörg Schallenberg
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