Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 16. Dezember 1998
Der schlaffe Haro
Warum Werner Enke ein Buch über das Nichtstun schreibt
Mit seiner Hauptrolle in dem Film Zur Sache, Schätzchen avancierte Werner Enke 1968 zum berühmtesten Nichtstuer Deutschlands. Für die Dialoge der Schwabinger Gammler-Komödie, die Enke selber schrieb, wurde eigens eine neue Kategorie des Deutschen Filmpreises geschaffen. Nach diesem Sensationserfolg drehte Enke mit seiner Lebensgefährtin, der Regisseurin May Spils, vier weitere Filme. Mitte der 80er Jahre zogen sich beide aus dem Kinogeschäft zurück. Heute lebt Enke, 57, in einem Reihenhaus in einer Schwabinger Seitenstraße und erklärt, warum er nichts anderes tun kann, als nichts zu tun. SZ: Ihr letzter Film liegt schon mehr als zehn Jahre zurück. Jetzt schreiben Sie an einem Buch, das" Es wird böse enden" heißen soll und demnächst erscheinen wird. Worum geht es darin? Enke: Es geht ums Nichtstun. Wir müssen überhaupt hier irgendwie rausarbeiten, wie interessant das Nichtstun ist. Das Ende dieses Interviews habe ich schon. Sie fragen mich: "Es glaubt Ihnen doch kein Mensch, daß Sie nichts gemacht haben in den letzten zehn Jahren." Und dann muß ich sagen: "Den Beweis werde ich schon noch liefern." Und das Buch handelt vom Nichtstun. Die Hauptfigur liegt da ständig auf dem Sofa und grübelt, ob sie was machen soll oder ob sie nichts machen soll. Ich liege in meinen Filmen ja auch immer gerne im Bett. Das ist so ein bißchen der schlaffe Haro aus Zur Sache, Schätzchen. Aber das Buch hat auch noch viel zu viele Seiten, das muß gekürzt werden. Es ist eigentlich unmöglich, ein Un-Buch, ein Nicht-Buch. Ich habe auch ein Drehbuch fertig seit einiger Zeit, das ist ungefähr so dick (Enke zeigt ein Brockhaus-Format an, Anm. d. Red.). Das liest sich nicht gut, so wie die Betriebsanleitung eines Motors ungefähr. Aber wenn der Film gedreht wird, ist das optimal, weil jeder Requisiteur dann weiß, welche Schraube von welcher Farbe er besorgen muß. Aber den Film werde ich wohl nicht mehr drehen, zumindest nicht als Schauspieler. Das ist mir zuviel Action. Außerdem fehlt mir jegliche kommerzielle Energie. SZ: Wovon leben Sie dann? Enke: Von den vielen Kneipenrechnungen, die ich neuerdings nicht mehr mache. Naja, nicht nur, wir haben ja einen Film gedreht, der war der absolute Abheber, das schaffen Menschen nur einmal im Leben. Wir haben dann aber noch drei große Hits gedreht - Nicht fummeln, Liebling, Hau drauf, Kleiner und Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt -, bei denen May Spils und ich Produktion, Buch, Regie und Hauptrolle in der Hand hatten. Da ist ein bißchen Kohle hängengeblieben. Das Finanzielle drückt also im Moment nicht so sehr auf mich. Eher eine gewisse generelle Veröffentlichungsneurose. SZ:Wieviele Tatort-Gastrollen haben Sie denn abgelehnt? Enke: Alle! Aber irgendwann wußten die auch, daß ich's nicht mache und probieren's dann auch nicht mehr. Ich muß mich immer entschuldigen, daß ich nichts gemacht habe die ganze Zeit. Daß ich die ganzen Förster, Ärzte und drangvollen Gutsherren nicht gespielt habe, das ist doch eine Leistung. |
SZ:Aber warum wollen Sie für den eigenen Film nicht vor die Kamera - wenn das Drehbuch schon geschrieben ist? Enke: Ich bin leider inzwischen kein Jung-Schnösel mehr, und die Ollen will im Grunde im Kino keiner sehen. Früher lief dieser Film Die Glasmenagerie nach Tennessee Williams Bühnenstück, und da stand für die Hauptrolle: Jim, 19 Jahre alt. Und ich habe mich damals maßlos geärgert, daß ausgerechnet der olle Kirk Douglas, der mindestens fuffzich war, die Rolle spielen mußte, das hätte ich doch viel besser gekonnt. Ich kann mich jetzt nicht mehr mit einem Mädchen einfach so in der Unterhose ins Bett setzen. SZ: Es muß ja nicht der jugendliche Liebhaber sein, andere Schauspieler sehnen sich nach dem Alter, in dem sie endlich die Charakterrollen bekommen.. . Enke: Das wäre aber dann nur im Theater. Und vor dem Theater habe ich Schiß. Ich habe nur einmal einen Polizisten mit fünf oder zehn Sätzen gespielt, und da hab' ich mich schon im Text verzappelt. Ich bin schon sowas von nervös bei simpelsten Live-Geschichten im Fernsehen. Eigentlich kann ich nur das, was ich gemacht habe, fünf Filme mit May zusammen, immer das Drehbuch selber schreiben - bei einem andern Regisseur wüßte ich nicht, ob das geht. SZ: Sind Sie gar kein Schauspieler? Können Sie immer nur sich selbst spielen? Enke: Irgendwie ja. Aber ich hab' immer einen gespielt, der viel mutiger war als ich. Es geht nicht, daß man sich im Leben so verhält wie der Martin in Zur Sache, Schätzchen, das ist das Ende. Ich wäre gerne so gewesen, aber so mutig war ich nicht. SZ: Aber Sie könnten den Film zumindest produzieren oder Regie führen. Enke: Ich bin auch nicht mehr so oft unterwegs. Und es sind im Grunde die Leute, die sich auf der Straße rumtreiben und besoffen nach Hause kommen, die die neuen Sachen machen. Und die, die im Haus sitzen und zugucken, wie die anderen sich nachts auf der Straße rumtreiben, die machen's nicht mehr. Die haben dann Angst vor den anderen. Und ich gehöre neuerdings eher zum zweiten Teil. Da kommt so 'ne Gemütlichkeit auf, die ist absolut unproduktiv. Es ist auch ein Problem, wir hatten mit 26 Jahren schon das erreicht, was man im Leben eigentlich nur erreichen kann. Was sollen wir da überhaupt noch machen, das schafft man sowieso nie wieder. SZ: Sie können mir nicht erzählen, daß Sie die nächsten zehn Jahre nichts machen! Enke: Den Beweis werde ich schon noch liefern. Naja, das Buch mache ich bestimmt. Hoffentlich. Interview: Jörg Kruse |