Samstag, 10.8.2002



Gesamtverzeichnis
Streiflicht
Politik

Seite Drei
Meinungsseite
Berlin

Panorama
Feuilleton
M¸nchner Kultur

Medien
Wirtschaft
Sport

M¸nchen
Bayern
Nordrhein-Westfalen

Landkreisausgaben
Wissenschaft
Reise

Hochschulseite
Literatur
Mobiles Leben

SZ Wochenende
Bildung & Beruf
Immobilienseite

Sonderseiten
Sonderbeilage


sueddeutsche.de - bin schon informiert
Marktplatz
KfZ-Versicherungsvergleich
Versicherungsvergleich
Bankenvergleich
Fondsvergleich





Je böser der Feind, desto besser der Film

Vor 35 Jahren haben May Spils und Werner Enke mit Uschi Glas „Zur Sache, Schätzchen“ gedreht


Es ist Freitagmorgen um halb elf. Für Martin wäre das viel zu früh, der mochte es gar nicht, „wenn sich die Dinge schon morgens so dynamisch entwickeln“. Für Werner Enke anscheinend auch, der macht zumindest nicht auf. Ratlos steht man vor der Tür des kleinen Reihenhauses mitten in Schwabing. Aber dann kommt Enke schon mit ein paar Flaschen Cola und Wasser um die Ecke, Rüstzeug für das Interview. Sportlich sieht er aus mit Turnschuhen und Jeans, und er wirkt so frisch und lebendig, dass man sich fragt, ob Werner Enke wirklich mal den Morgenmuffel Martin gespielt hat, nein der Martin gewesen ist im Film „Zur Sache, Schätzchen“.

Denn Martin wollte am liebsten gar nichts machen, in seinem Bett liegen bleiben und maximal eine Runde Tischfußball spielen. Aber dann kam Henry vorbei, gespielt von Henry van Lyck, und trieb ihn erst aus dem Bett und dann gar noch hinaus aus der Wohnung. Schlagertexte mussten geschrieben werden, um Geld zu verdienen, dann kamen die Polizei und eine verdammt hübsche junge Tochter aus gutem Hause (Uschi Glas) ins Spiel, und plötzlich entwickelte sich „Zur Sache, Schätzchen“ zu einer rasanten Jagd durch die Straßen von Schwabing. Vor genau 35 Jahren, im nicht nur wegen des Wetters heißen Sommer 1967, haben Enke und Regisseurin May Spils das „Schätzchen“ gedreht, das von Produzent Peter Schamoni eigentlich als lockere Sommerkomödie geplant war und stattdessen zum bis dahin größten Kassenerfolg hier zu Lande und zum Durchbruch für den respektlosen jungen deutschen Film geriet, der sich vom Heimatfilm ebenso emanzipierte wie von den bedeutungsschweren Dramen der Nachkriegszeit.

Werner Enke, damals gerade 26, spielte nicht nur die Hauptrolle, sondern hatte auch, zusammen mit seiner damaligen Freundin und heutigen Lebensgefährtin May Spils, das Drehbuch mit seinen lakonischen und unglaublich stimmigen Dialoge kreiert, für die beim Bundesfilmpreis damals eigens eine neue Kategorie geschaffen wurde. Begriffe wie „fummeln“, „Dumpfbacke“ und der Standardspruch „Es wird böse enden“ wurden schnell zu geflügelten Worten, Enke war der Prototyp des genialen Nichtstuers, der im Schwabinger Lotterleben seiner Alltagsphilosophie nachhängt.

„Das war meine eigene private Pseudophilosophie“, sagt er heute, „das Entscheidende daran war, dass am Ende nichts dabei rauskommt.“ Hat er das nicht schon mal im Film gesagt? Nachdem man eine Weile bei Werner Enke im Wohnzimmer gesessen hat, verschwimmen Film und Realität merklich, denn eins ist klar: Es war nicht nur eine Rolle, sondern Enke ist tatsächlich Martin. So wie er redet, könnte man ganze Monologe gleich wieder in ein Drehbuch umsetzen. Aber das wäre ihm viel zu stressig. Denn Werner Enke hat seine Karriere nach dem Riesenerfolg des „Schätzchens“ mit einer ähnlich konsequenten Verweigerungshaltung fortgesetzt wie Martin den einen Tag, den der Film erzählt.

Alle fremden Angebote lehnte er ab und drehte nur noch mit seiner Partnerin May Spils. So hielten die beiden bei „Nicht fummeln, Liebling“, „Hau drauf, Kleiner“ und „Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt“ Drehbuch, Regie, Besetzung und den größten Teil der Produktion selbst in der Hand. Bis heute kann er von diesen Filmen, die durchweg Kassenschlager waren, „alle Kneipenbesuche selbst bezahlen. Und von den Kneipenrechnungen, die ich in letzter Zeit nicht mehr mache, kann ich sogar sehr gut leben.“

Uschi Glas dagegen, das „Schätzchen der Nation“, hat vom Halbblut Apanatschi in Winnetou bis zur allein erziehenden Unternehmerin Anna Maria alles gedreht, was kam. Spils und Enke sind ihr bis heute dankbar: „Sie war nicht nur in der Rolle der Barbara unaustauschbar, sondern auch noch so geduldig und nachsichtig mit uns. Wir waren alle übernervös, und wenn die Uschi, die damals ja schon bekannt war, in dem Tohuwabohu auch noch Zicken gemacht hätte, hätte das wirklich böse geendet.“ So wie das Filmfestival 1968 in Cannes, das von aufmüpfigen Studenten gesprengt wurde. Pech für „Zur Sache, Schätzchen“, das als deutscher Beitrag zu den Favoriten zählte.

Zum Kultfilm geriet der Streifen trotzdem, nicht zuletzt wegen Szenen wie jener, in der Enke zum Polizeiverhör auf die Wache muss, aber statt auszusagen, einen Zwanziger auf den Tisch knallt und sagt: „Kommt, hört doch auf mit dem Quatsch. Lasst uns lieber einen Kasten Bier kaufen und uns besaufen.“ Was im Film glimpflich abging, brachte Enke im wahren Leben eine Strafe von 800 Mark ein. Als seine Monatskarte mal um eine halbe Stunde abgelaufen war, griffen ihn zwei Polizisten in der Bahn auf, „prügelten mich professionell durch und schleppten mich mit blutiger Nase auf die Wache“. Dort machte Enke den Vorschlag mit dem Kasten Bier – und wurde nicht nur wegen Beförderungserschleich, sondern auch wegen versuchter Bestechung im Amt verurteilt: „Seitdem waren Polizisten meine Feinde“.

Diese Feindschaft motivierte Enke ungemein, später einen Film zu machen, „denn das war ja die Möglichkeit, es denen heimzuzahlen. Und das war der erste Film, wo der Kommissar nicht nachher mit hochgestelltem Kragen aus dem Gebüsch kommt und alles aufklärt.“ Stattdessen wurde die Polizei lächerlich gemacht, was genau das damalige Zeitgefühl traf, obwohl es, so Enke, „ausschließlich meine persönlichen Rachegelüste waren.“ Damals, das war der heiße Sommer 1967, als nur ein paar Tage vor Drehbeginn der Student Benno Ohnesorg in Berlin von einem Polizisten erschossen worden war und die Protestdemonstrationen das ganze Land in Aufruhr brachten. Eigentlich, erzählt Enke, sollte auch „Zur Sache, Schätzchen“ damit enden, „dass ich von der Polizei erschossen werde – wie Belmondo in „Außer Atem“. Im Drehbuch stand das so. Aber wir haben im letzten Moment instinktiv gespürt, dass wir den Typen am Leben lassen müssen.“

Später sind Enke die Feinde ausgegangen: „Ich hab keine richtige Grundwut mehr auf irgendwas. Aber die brauche ich als Antriebskraft. Je böser der Feind, desto besser der Film, hat Hitchcock gesagt.“ Und deshalb dreht Enke seit vielen Jahren keine Filme mehr. Daran könnte sich aber bald etwas ändern. Denn May Spils hat in der Nähe von Bremen einen Bauernhof geerbt, der in einem beschaulichen Städtchen liegt: „Da soll jetzt von wirrer kommerzieller Energie angetrieben ein Supersupermarkt gebaut werden, so ein gigantomanischer Umsatzbunker für Lebensmittel und den üblichen Krempel. Mitten im Ort. Die 70 Meter lange und 13 Meter hohe Arschrückwand dieses Gebildes soll Mays Bauernhof und den Nachbarn direkt vor die Nase gedrückt werden. Als wenn die DDR-Mauer mitten in einer Kleinstadtidylle wieder hochgezogen wird, genau vor dem Schätzchenhaus.“

Schätzchenhaus? „Ja, wenn May damals den Hof nicht beliehen hätte, wäre der Film ’Zur Sache, Schätzchen’ nie entstanden. Da lohnt es sich wieder zu kämpfen. Das ist eine klassische Filmsituation: Der großkapitalistische Bösewicht und die konsumverwirrten Stadträte terrorisieren ihre Umwelt. Nicht uninteressant als Filmstoff. Ich brauche eben eine persönliche Demütigung und Ungerechtigkeit, um in die Gänge zu kommen.“

Wie damals. Kann natürlich sein, dass das böse endet.

JÖRG

SCHALLENBERG


Aktuelles Lexikon

Wochenchronik
Kontakt
Impressum


sueddeutsche.de - bin schon informiert





 



zurück
Seitenanfang
sueddeutsche.de






Copyright © sueddeutsche.de GmbH/S¸ddeutsche Zeitung GmbH

Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Beiträge, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne vorherige Zustimmung unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.

Artikel der Süddeutschen Zeitung lizenziert durch DIZ München GmbH.

Weitere Lizenzierungen exklusiv über www.diz-muenchen.de.