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Je böser der Feind, desto besser der Film

Vor 35 Jahren haben May Spils und Werner Enke mit Uschi Glas Zur Sache, Schätzchen gedreht


Es ist Freitagmorgen um halb elf. Für Martin wäre
das viel zu früh, der mochte es gar nicht, wenn
sich die Dinge schon morgens so dynamisch entwickeln.
Für Werner Enke anscheinend auch, der macht zumindest
nicht auf. Ratlos steht man vor der Tür des kleinen
Reihenhauses mitten in Schwabing. Aber dann kommt Enke
schon mit ein paar Flaschen Cola und Wasser um die Ecke,
Rüstzeug für das Interview. Sportlich sieht er
aus mit Turnschuhen und Jeans, und er wirkt so frisch und
lebendig, dass man sich fragt, ob Werner Enke wirklich mal
den Morgenmuffel Martin gespielt hat, nein der Martin
gewesen ist im Film Zur Sache, Schätzchen.
Denn Martin wollte am liebsten gar nichts machen, in seinem
Bett liegen bleiben und maximal eine Runde
Tischfußball spielen. Aber dann kam Henry vorbei,
gespielt von Henry van Lyck, und trieb ihn erst aus dem
Bett und dann gar noch hinaus aus der Wohnung.
Schlagertexte mussten geschrieben werden, um Geld zu
verdienen, dann kamen die Polizei und eine verdammt
hübsche junge Tochter aus gutem Hause (Uschi Glas) ins
Spiel, und plötzlich entwickelte sich Zur Sache,
Schätzchen zu einer rasanten Jagd durch die
Straßen von Schwabing. Vor genau 35 Jahren, im nicht
nur wegen des Wetters heißen Sommer 1967, haben Enke
und Regisseurin May Spils das Schätzchen
gedreht, das von Produzent Peter Schamoni eigentlich als
lockere Sommerkomödie geplant war und stattdessen zum
bis dahin größten Kassenerfolg hier zu Lande und
zum Durchbruch für den respektlosen jungen deutschen
Film geriet, der sich vom Heimatfilm ebenso emanzipierte
wie von den bedeutungsschweren Dramen der Nachkriegszeit.
Werner Enke, damals gerade 26, spielte nicht nur die
Hauptrolle, sondern hatte auch, zusammen mit seiner
damaligen Freundin und heutigen Lebensgefährtin May
Spils, das Drehbuch mit seinen lakonischen und unglaublich
stimmigen Dialoge kreiert, für die beim
Bundesfilmpreis damals eigens eine neue Kategorie
geschaffen wurde. Begriffe wie fummeln,
Dumpfbacke und der Standardspruch Es wird
böse enden wurden schnell zu geflügelten
Worten, Enke war der Prototyp des genialen Nichtstuers, der
im Schwabinger Lotterleben seiner Alltagsphilosophie
nachhängt.
Das war meine eigene private Pseudophilosophie,
sagt er heute, das Entscheidende daran war, dass am
Ende nichts dabei rauskommt. Hat er das nicht schon
mal im Film gesagt? Nachdem man eine Weile bei Werner Enke
im Wohnzimmer gesessen hat, verschwimmen Film und
Realität merklich, denn eins ist klar: Es war nicht
nur eine Rolle, sondern Enke ist tatsächlich Martin.
So wie er redet, könnte man ganze Monologe gleich
wieder in ein Drehbuch umsetzen. Aber das wäre ihm
viel zu stressig. Denn Werner Enke hat seine Karriere nach
dem Riesenerfolg des Schätzchens mit einer
ähnlich konsequenten Verweigerungshaltung fortgesetzt
wie Martin den einen Tag, den der Film erzählt.
Alle fremden Angebote lehnte er ab und drehte nur noch mit
seiner Partnerin May Spils. So hielten die beiden bei
Nicht fummeln, Liebling, Hau drauf,
Kleiner und Wehe, wenn Schwarzenbeck
kommt Drehbuch, Regie, Besetzung und den
größten Teil der Produktion selbst in der Hand.
Bis heute kann er von diesen Filmen, die durchweg
Kassenschlager waren, alle Kneipenbesuche selbst
bezahlen. Und von den Kneipenrechnungen, die ich in letzter
Zeit nicht mehr mache, kann ich sogar sehr gut leben.
Uschi Glas dagegen, das Schätzchen der
Nation, hat vom Halbblut Apanatschi in Winnetou bis
zur allein erziehenden Unternehmerin Anna Maria alles
gedreht, was kam. Spils und Enke sind ihr bis heute
dankbar: Sie war nicht nur in der Rolle der Barbara
unaustauschbar, sondern auch noch so geduldig und
nachsichtig mit uns. Wir waren alle übernervös,
und wenn die Uschi, die damals ja schon bekannt war, in dem
Tohuwabohu auch noch Zicken gemacht hätte, hätte
das wirklich böse geendet. So wie das
Filmfestival 1968 in Cannes, das von aufmüpfigen
Studenten gesprengt wurde. Pech für Zur Sache,
Schätzchen, das als deutscher Beitrag zu den
Favoriten zählte.
Zum Kultfilm geriet der Streifen trotzdem, nicht zuletzt
wegen Szenen wie jener, in der Enke zum Polizeiverhör
auf die Wache muss, aber statt auszusagen, einen Zwanziger
auf den Tisch knallt und sagt: Kommt, hört doch
auf mit dem Quatsch. Lasst uns lieber einen Kasten Bier
kaufen und uns besaufen. Was im Film glimpflich
abging, brachte Enke im wahren Leben eine Strafe von 800
Mark ein. Als seine Monatskarte mal um eine halbe Stunde
abgelaufen war, griffen ihn zwei Polizisten in der Bahn
auf, prügelten mich professionell durch und
schleppten mich mit blutiger Nase auf die Wache. Dort
machte Enke den Vorschlag mit dem Kasten Bier und
wurde nicht nur wegen Beförderungserschleich, sondern
auch wegen versuchter Bestechung im Amt verurteilt:
Seitdem waren Polizisten meine Feinde.
Diese Feindschaft motivierte Enke ungemein, später
einen Film zu machen, denn das war ja die
Möglichkeit, es denen heimzuzahlen. Und das war der
erste Film, wo der Kommissar nicht nachher mit
hochgestelltem Kragen aus dem Gebüsch kommt und alles
aufklärt. Stattdessen wurde die Polizei
lächerlich gemacht, was genau das damalige
Zeitgefühl traf, obwohl es, so Enke,
ausschließlich meine persönlichen
Rachegelüste waren. Damals, das war der
heiße Sommer 1967, als nur ein paar Tage vor
Drehbeginn der Student Benno Ohnesorg in Berlin von einem
Polizisten erschossen worden war und die
Protestdemonstrationen das ganze Land in Aufruhr brachten.
Eigentlich, erzählt Enke, sollte auch Zur Sache,
Schätzchen damit enden, dass ich von der
Polizei erschossen werde wie Belmondo in
Außer Atem. Im Drehbuch stand das so.
Aber wir haben im letzten Moment instinktiv gespürt,
dass wir den Typen am Leben lassen müssen.
Später sind Enke die Feinde ausgegangen: Ich hab
keine richtige Grundwut mehr auf irgendwas. Aber die
brauche ich als Antriebskraft. Je böser der Feind,
desto besser der Film, hat Hitchcock gesagt. Und
deshalb dreht Enke seit vielen Jahren keine Filme mehr.
Daran könnte sich aber bald etwas ändern. Denn
May Spils hat in der Nähe von Bremen einen Bauernhof
geerbt, der in einem beschaulichen Städtchen liegt:
Da soll jetzt von wirrer kommerzieller Energie
angetrieben ein Supersupermarkt gebaut werden, so ein
gigantomanischer Umsatzbunker für Lebensmittel und den
üblichen Krempel. Mitten im Ort. Die 70 Meter lange
und 13 Meter hohe Arschrückwand dieses Gebildes soll
Mays Bauernhof und den Nachbarn direkt vor die Nase
gedrückt werden. Als wenn die DDR-Mauer mitten in
einer Kleinstadtidylle wieder hochgezogen wird, genau vor
dem Schätzchenhaus.
Schätzchenhaus? Ja, wenn May damals den Hof
nicht beliehen hätte, wäre der Film Zur
Sache, Schätzchen nie entstanden. Da lohnt es
sich wieder zu kämpfen. Das ist eine klassische
Filmsituation: Der großkapitalistische Bösewicht
und die konsumverwirrten Stadträte terrorisieren ihre
Umwelt. Nicht uninteressant als Filmstoff. Ich brauche eben
eine persönliche Demütigung und Ungerechtigkeit,
um in die Gänge zu kommen.
Wie damals. Kann natürlich sein, dass das böse
endet.
JÖRG
SCHALLENBERG
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